Ernesto Allerhand

Biographie von Ernesto Allerhand

Ernst Otto Allerhand wird am 1.10.1923 in Wien als einziger Sohn seiner Eltern Karl Allerhand, Rechtsanwalt, und Flora Allerhand, Hausfrau, geboren.

Er ist mit seinen Eltern und seinem Großvater Jonas Wagmann im 8.Bezirk in der Albertgasse 55 aufgewachsen. Von 1929-1932 besucht er die Volksschule Albertgasse und im September
1933 wechselt er in das Realgymnasium in der Albertgasse.

Im März 1938, als sich Ernst Allerhand mit seiner Klasse auf Skiausflug befindet, marschieren die Deutschen Truppen in Österreich ein und plötzlich darf er nicht mehr am regulären Unterricht teilnehmen. Im selben Moment spricht niemand seiner Klassenkollegen mehr mit ihm. Ende April wird er in eine jüdische Sonderklasse versetzt. In der Nacht vom neunten auf den zehnten November 1938 wird der Vater verhaftet und nach Dachau deportiert.

Im April 1939 gelingt es der Familie Allerhand schließlich mit einem Schiff unter nationalsozialistischer Flagge nach Bolivien zu emigrieren. Genau 30 Tage später kommt er in Chile an und fährt weiter nach La Paz. In Bolivien beginnt er als Hilfskraft bei Elektrikern zu arbeiten. Ab 1943 wird er kaufmännischer Angestellter und später Geschäftsführer. 1950 heiratet er seine „Liebe des Lebens“ Hannelore Gruenewald, die ursprünglich aus Deutschland, Hessen, stammt.

In den nächsten Jahren werden seine zwei Kinder Marion und Jonny geboren.
1962 wird er zu einem sehr erfolgreichen Importeur von Schweizer Schokolade. Ein schwerer Einschnitt in der Familie Allerhand war der Unfalltod von Jonny im Jahr 1971. Im September 1987 stirbt Ernst Allerhands Frau Hannelore.

1998 besucht er das erste Mal Wien und trat mit dem Gymnasium Stubenbastei in Kontakt. Es folgten drei weitere Besuche von Ernst Allerhand nämlich 2001, 2007 und 2013.

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Ernesto Allerhand in Wien Juni 2013

[_spoiler title=“Exposé “ open=“0″ style=“1″]

[quote style=“1″] Wenn ich an Wien denke und alle Schönheiten dort, dann möchte ich am liebsten im Stadtpark oder im Volksgarten wandeln 1[/quote]

Eine Reise zur Jugend.
Ernesto Allerhand in Wien.

Ein Projekt in der 4B-Klasse und im Wahlpflichtfach „Centropa“ des GRG 1 Stubenbastei 2013

Ernst Otto Allerhand wurde 1923 in die Familie eines Wiener jüdischen Rechtsanwalts geboren und wuchs als behütetes und kulturell sehr gefördertes Einzelkind auf.

Dementsprechend groß war der Kulturschock, als er 1939 Österreich verlassen musste und in Bolivien ankam. Er konnte seine Schulausbildung nicht fortsetzen, arbeitete zunächst als Hilfskraft, später als kaufmännischer Angestellter und Importeur. Nach dem Tod seines Sohnes übersiedelte er 1973 nach Buenos Aires. Seit er verwitwet ist, lebt er dort in der Familie seiner Tochter.

Erst 1998 wurde ein großer Wunsch von Herrn Allerhand zumindest zum Teil erfüllt: Er wurde zwar nicht von offizieller Seite, aber von dem privat initiierten Projekt „Verlorene Nachbarschaft. Die Synagoge in der Neudeggergasse“ nach Wien eingeladen. In der Neudeggergasse entstand auch der erste Kontakt mit dem Gymnasium Stubenbastei, aus dem sich eine intensive Korrespondenz entwickelte.

Im Mai 2001 und im Juni 2007 wurden Ernesto Allerhand und seine Tochter Marion Allerhand im Rahmen von Schulprojekten des GRG 1 nach Wien eingeladen. Er führte Gespräche mit den Schülerinnen und Schülern verschiedener Altersgruppen und es fand eine große Abendveranstaltung im Festsaal der Schule statt.

Bei seinem zweiten Besuch wurden mit ihm lebensgeschichtliche Interviews geführt, die die Grundlage für eine Broschüre über Ernesto Allerhand und vier Radiosendungen waren.

Herr Allerhand ist inzwischen 89 Jahre alt und in jedem seiner Briefe klingt die Sehnsucht nach seiner Geburtsstadt durch.

Da uns bewusst ist, welchen Wert Gespräche mit Zeitzeugen für Jugendliche haben, planen wir, Herrn Allerhand und eine Begleitperson im Juni 2013 wieder nach Wien einzuladen.

Im Rahmen eines großen Projekts über den Holocaust und über das jüdische Leben in Wien, das in der vierten Klasse von Mag. Klaus Huber und Mag.a Regina Erdinger geplant ist, soll Herr Allerhand als Zeitzeuge mitwirken.

  • Zunächst erfolgt eine ausführliche Darstellung des jüdischen Lebens in Wien in den 20-er und 30-er Jahren. Die 14-jährigen Mädchen und Burschen werden, nachdem sie die Broschüre über Ernst Allerhand durchgearbeitet haben, Fragen zur Kultur und zum Sportgeschehen dieser Zeit an Herrn Allerhand vorbereiten.
  • Ein nächster Abschnitt ist dem Einschnitt gewidmet, der durch die Machtübernahme Hitlers entstand. Die Schülerinnen und Schüler sind ungefähr in demselben Alter, in dem Herr Allerhand 1938 war. Der Ausschluss aus der Schule, der Verlust der materiellen Lebensgrundlage und der Freunde (die Anwaltskanzlei der Familie wurde arisiert, der Vater nach Dachau deportiert, der beste Freund in der Klasse sprach kein Wort mehr…) sowie die daraus resultierenden psychischen Belastungen sollen mithilfe der konkreten Erzählungen von Herrn Allerhand den Jugendlichen nähergebracht werden.
  • Der dritte Themenblock stellt die Vertreibung in den Mittelpunkt: der bürokratische Hürdenlauf, die Erniedrigungen durch die Vertreter der Behörden, die Schwierigkeiten der Visabeschaffung, die Ankunft in einem völlig fremden Land mit einer völlig fremden Sprache, die Versuche, wieder Fuß zu fassen werden thematisiert.

Aus unserer Erfahrung wissen wir, wie eindringlich und anschaulich Herr Allerhand zu erzählen vermag.

Parallel zu dem Projekt in der vierten Klasse werden die (16 – 17jährigen) Schülerinnen und Schüler des zweisprachigen Wahlpflichtfaches „Centropa“ unter der Leitung von
Mag.a Sieglind Gabriel und Mag.a Regina Erdinger einen kurzen Film über Ernesto Allerhand planen und umsetzen.

Regina Erdinger, Sieglind Gabriel, Klaus Huber

1 Ernesto Allerhand in seinem Brief vom 28.09.2004
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[_spoiler title=“Einladung an Ernesto Allerhand“ open=“0″ style=“1″]

Sehr geehrter Herr Allerhand!

Wir sind eine Gruppe von fünf Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums Stubenbastei, die sich in einem Wahlpflichtfach (2 Stunden am Nachmittag) mit dem jüdischen Leben in Wien einst und jetzt beschäftigen.

Im Zuge unseres Unterrichtes haben wir auch kleine Ausschnitte von Radioaufnahmen mit Ihnen gehört, in denen Sie über das jüdische Leben in Wien vor dem Zweiten Weltkrieg und über ihre Vertreibung nach Bolivien gesprochen haben.

Dabei entstand der Wunsch unsererseits, Sie persönlich kennen zu lernen. Da Sie in diesem Jahr einen großen runden Geburtstag feiern werden, dachten wir uns, es wäre schön, Sie auch hier in Wien begrüßen zu dürfen.

Wenn Sie einverstanden sind, würden wir Sie und Ihre Tochter gerne vom 15. bis 25. Juni 2013 zu uns einladen.

Neben kulturellen Aktivitäten wünschen wir uns, dass Sie auch an unseren schulischen Projekten teilnehmen. Angedacht sind die Produktion eines Kurzfilmes mit Ihnen und Gespräche in bewährter Form mit den Schülerinnen und Schülern der 4B-Klasse unserer Schule. Klassenvorstand dieser Klasse ist Herr Professor Huber, der sich schon sehr darauf freut, Sie wieder zu sehen. Das tun auch unsere beiden Lehrerinnen, Frau Professor Regina Erdinger und Frau Professor Sieglind Gabriel, die dieses Wahlpflichtfach betreuen.

In Erwartung Ihrer hoffentlich positiven Antwort grüßen wir Sie sehr herzlich aus Wien, aus der Stubenbastei!

Marlene Breitenegger, Anabel Ceeh, Robin Kratz, Emilia Pühringer und Konstantin Raftl

P.S.: Unsere Lehrerinnen und Herr Professor Huber schließen sich diesen Grüßen auf das Herzlichste an.

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[_spoiler title=“Reaktionen auf die Einladung“ open=“0″ style=“1″]
Mail vom 11.03.2013
Meine jetzt schon lieben 5: Marlene, Anabel, Emilia, Robin und Konstantin.

Das sind ja stolze Namen. Ich werde dann persönlich nachforschen. Wieso EmiliA und nicht Emilie? Und dann Raftl, der stand in meiner Kindheit im Tor bei Rapid.

Aber beginnen wir am besten am Anfang. Ich bin kein Mensch, der sich lange bitte lässt. Und Eure Einladung ist für mich die Erfüllung eines Wunschtraums. Ich muss da immerzu auf Holz klopfen, denn ich glaube kaum, dass es je jemandem beschieden wurde, FUENF Mal nach Wien eingeladen zu werden. Könnt Ihr verstehen, dass bei uns, also Tochter Marion und mir, jetzt großer Jubel herrscht?

Ich ersuche Euch, mich als Freund zu betrachten, also weg mit dem „sehr geehrter“. Ich bin Euer LIEBER=hoffentlich Herr E. A. Und stehe Euch selbstverständlich für Euer Projekt oder Pläne 100 Prozent zur Verfügung. Und dies mit Vergnügen. Letztes wollen wir doch miteinander haben in jeder Hinsicht, net wahr ?

Nun genug, sonst habe dann keinen Gesprächsstoff mehr. Wir freuen uns sehr darauf Euch kennenzulernen.

Also dann in Schwechat im Juni. Da klopfe ich auf Holz.

Herzliche Grüße

Ernst, auch Ernesto hier genannt, und Marion A.

Mail vom 28. März 2013

Gründonnerstag. Martin hat mir wieder diese unmögliche Verbindung mit dem TV-Gerät hergestellt. Und nun rase ich von der Tastatur zum Bildschirm und zurück, Brille wechselnd und durcheinander.
Ich kann unmöglich alle Tippfehler löschen, entschuldigt. Dafür ist es bei uns bacherlwarm, heute 27 Grad. Und doch schon im Herbst. Mir nur recht. Apropos, wenn mal wieder von Euch höre bitte um Tipps, was am besten zum Anziehen wir für Juni brauchen. Schwimmhose fürs Gänsehäufel ? Wenn ich ehrlich bin, kann ich nicht glauben, dass es Wirklichkeit werden soll. Ein Wiedersehen in Wien! Schöner Wunschtraum!

Mit ungebrochener Herzlichkeit, auch für das Fünfergespann

Euer Ernesto

Mail vom 11.05.2013

Es ist schon was dran, an der Vorfreude! Da bin ich Spezialist. Dank Euch schon wochenlang, hurra!

Ernesto

Nach der Rückkehr – Mail vom 01.07.2013
Was kann man von euch sagen, nur etwas Besonderes. Nie im Leben gibt es solche Leute, ihr seid etwas Spezielles. Vielen Dank für alles. Diese herrlichen Tage werde ich nie vergessen. Ich habe euch zu sehr lieb. Bussi Marion

Diese Zeilen, bei Euch ist es schon Mitternacht, sollen kurz, aber bündig unseren Dank, unsere unbeschreibliche Freude ausdrücken. Allen, allen, die uns dieses Geschenk, frei nach Wunschtraum möglich machten. Uns leider unbekannten Gönnern und Sponsoren, der Schuldirektion, der Projektgruppe vor allem. Mögen diese und Ihr alle ein wenig damit belohnt sein zu wissen, welch großes Glück Ihr uns beschieden habt.

Meinerseits habe ich mich ehrlich bemüht, Euren Ansprüchen gerecht zu werden. Jedoch wiegt dies bei weitem nicht auf, was uns auf jedem Schritt geboten wurde. Ganz ehrlich habe ich nur wenige Zeit am Projekt selbst mitmachen müssen, während Ihr bemüht ward, uns jede Stunde so schön wie nur möglich zu gestalten. Mit unbeschreiblicher Großzügigkeit. Ein kleines Wort nebenbei genügte, dass wir bald beschenkt und erfreut wurden.

Aber über allem steht fest, dass man uns nicht einfache Sympathie, sondern vor allem richtige Liebe entgegen brachte. Gibt es etwas Besseres unter Menschen? Es waren echte Tränen in aller Augen da in Schwechat beim Abschied. […]
Wir versuchen nicht zu schnell aus den Wolken zu fallen.

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[_spoiler title=“Programm“ open=“0″ style=“1″]

Datum Tagesprogramm Abendprogramm
Samstag, 15.06.13 16:55 Uhr Abflug Buenos Aires
Sonntag, 16.06.13 11:10 Uhr Ankunft Frankfurt
12:40 Uhr Abflug Frankfurt
14:00 Ankunft Wien: Abholung durch Projektleitung
19.30: Abendessen mit Projektleitung
Montag, 17.06.13 freier Vormittag
12:30 Stubenbastei: Kennenlernen mit 4B
spätes Mittagessen
19:00: Heurigenbesuch
Dienstag, 18.06.13 Interview mit Projektgruppe (4) + S. Gabriel + R. Erdinger
Mittagessen
Grüner Prater mit Projektgruppe (4)
19.30 Konzerthaus: Camerata Salzburg + R. Erdinger
Mittwoch, 19.06.13 8.30 Frühstücksempfang durch Frau Dir. Hochleitner und Frau Koller, die Obfrau des Elternvereins
10.00 – 12.00: Zeitzeugengespräch + 4B + 4D
12.00 kurzes Mittagessen mit Projekt-Leitung (Notenkonferenz)
Nachmittag: frei von Stubenbasteiverpflichtungen
18:30: Volksoper: Frau Luna
Donnerstag, 20.06.13 Projektgruppe (4): Albertgasse oder Wienerwald + S. Gabriel + R. Erdinger
Mittagessen
Kaffee mit ehemaliger Projektgruppe
freier Abend
Freitag, 21.06.13 Projektgruppe (4): Albertgasse oder Wienerwald + S. Gabriel + R. Erdinger
Mittagessen
freier Nachmittag
gemeinsames Abendessen auf Wunsch
Samstag, 22.06.13 Ganztagesausflug 19:30: Musikverein: Wiener Mozart Orchester
Sonntag, 23.06.13 Frühstück bei K. Huber
Mittagessen + R. Erdinger
Türkenschanzpark
gemeinsames Abendessen auf Wunsch
Montag, 24.06.13 freier Vormittag (Koffer packen!)
Mittagessen mit Projektleitung
13:00 Abfahrt nach Bratislava
19:00: Oper Bratislava: Carmen
Dienstag, 25.06.13 9:56: Abreise nach Strobl
13:02: Ankunft Bad Ischl
Samstag, 29.06.13 Abfahrt von Bad Ischl
Abholung von der Bahn (13:00 Uhr)
Mittagessen
18:35 Uhr Abflug nach Frankfurt
20:05 Uhr Ankunft in Frankfurt
22:00 Uhr Uhr Weiterflug
Sonntag, 30.06.13 06:50: Ankunft Buenos Aires

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[_spoiler title=“Einzelne Programmpunkte näher beleuchtet“ open=“0″ style=“1″]
At the Heuriger

On the day of arrival, Mr Allerhand was invited to a traditional „Heuriger“ in the 19th district by the project group. Students, teachers, headteacher Hochleitner, the former project group, sponsors and also the Allerhand family enjoyed the great atmosphere. There was great food, music and fun. Mister Allerhand loved singing „Wiener Lieder“ accompanied by an accordeon player. It was incredible that he still knew all the lyrics by heart. Of course all the students were fascinated when listening to him.

On the Cobenzl

On our last day, we invited Ernst Allerhand for a walk on the Cobenzl. We had chosen the Wienerwald because he used to hike there with his family every weekend before the war. While walking he told us about his hobby soccer and his first love that he adored and dreamed about. We noticed that he was completely absorbed in his memories. He talked to us but in fact we reminded him of long forgotten stories of his youth. We were able to see how happy he was to be here with us in such a place full of joyful memories. We finished the journey with a cup of coffee in a nearby café.

Citytour
On Thursday we decided to do a city tour with the „Red Bus“ company. We saw Vienna and its beautiful buildings and we had the possibility to learn also new information about our hometown via headphones. It was a very relaxed morning which we let unwind in a cosy „Kaffeehaus” next to the Albertina. There we listened to Ernst Allerhand’s stories from Vienna and also La Paz. Ernst Allerhand didn’t only show us photos of his soccer team and himself but also his Id-card which was stamped with the Nazi symbol. The atmosphere turned a bit sad because of the dreadful memories. Fortunately we cheered up when he showed us pictures from better times as well.

The Interview

On the first day after his arrival and the informal meeting at the Heurigen we, the Centropa group interviewed Ernst Allerhand about his life before and during the escape. In the interview Mr Allerhand told us about his feelings when the Nazis were marching in. Also the arrival in Bolivia and the big problems which were caused by the changeover to the new living conditions was talked about. But we also talked about nicer thing such as the time he spent in the Maccabi soccer team in La Paz. This conversation is the basis of our film project which will be published in February 2014.

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[_spoiler title=“Fotogalerie“ open=“0″ style=“1″]


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Brief von Ernesto Allerhand Mai 2007

Wien im Mai 2007 oder ein Wunschtraum geht in Erfüllung

Gibt es Glück? Ja. Wenn jemand, wie in meinem Fall, im Laufe von neun Jahren drei Mal von diesem anderen Ende der Welt, von Buenos Aires nach Wien eingeladen wird, gehört schon eine große Portion Glück dazu. Und ich frage mich immer, wie ich dazu kam. Ich bin nicht mehr als ein Durchschnittsmensch, habe mein Studium zwangsmäßig in der fünften Gymnasialklasse einst unterbrechen müssen und nie einen Beruf erlernt. Auch sonst zeichnet sich mein Leben durch keine besondere Leistung oder Errungenschaft aus.

Die Geschichte begann damit, dass Bewohner der Neudeggergasse, wo einst der schöne Tempel des 8. Bezirks stand, sich dafür interessierten, ob es nicht 60 Jahre nach der „Kristallnacht“ und der Zerstörung des Tempels noch Überlebende geben könnte, die in ihrer Kindheit in dieses Bethaus gingen. Sie schlossen sich zu einer kleinen Gruppe zusammen, die das Projekt „Verlorene Nachbarschaft“ initiierte. Und es gab wahrhaftig noch Überlebende von damals, besonders in Israel, New York oder Buenos Aires. Unter den acht alten Josefstädtern in Buenos Aires fand man auch meine Adresse. Ich erhielt einen Anruf von Käthe Kratz 1 aus Wien, ob ich gewillt wäre, ihr ein Interview zu geben, sobald sie hierher käme. Ich sagte gerne zu. Zum ersten Mal in meinem Leben bekam ich ein Mikrophon in die Hand gedrückt und erzählte aus meinen Erinnerungen. Im Mittelpunkt stand die „Kristallnacht“, die so viel Unglück über uns Juden gebracht und auch mein Leben verbittert hatte. Diese Interviews wurden nach Wien gebracht. Und da anscheinend meines gut ankam, wurde ich nach Wien eingeladen. In meine Geburtsstadt, nach 60 Jahren. Beginn der Glückssträhne.

Ich habe noch den Applaus nach der Veranstaltung in der Neudeggergasse in den Ohren, als eine liebe Dame auf mich zukam, sich als Gymnasiallehrerin vorstellte und mich ersuchte, zu ihren Schülern zu sprechen.

Zu meiner Freude und zu meinem Erstaunen kam ich auch bei den Schülern gut an. Es war die letzte Stunde der Woche, an einem Samstag, als ich in der Stubenbastei sprach. Und als die Glocke läutete, also die Schulwoche damit vorbei war, da blieben die Schüler sitzen. Und Frau Mag. Erdinger, heute meine beste Freundin, stieß mich an, sie konnte es nicht glauben. Die Kinder wollten mir noch weitere Fragen stellen und sich mit mir fotografieren lassen. Auch etwas, das ich nie erträumt hätte. Als ich mich aus Buenos Aires dann für die herzliche Aufnahme bedankte, entstand eine rege Korrespondenz. Ich erfuhr, dass ich von der Klasse zum Friedensapostel ernannt worden war und mein Foto an der Wand hing. Immer, wenn es hitzig wurde, zeigte jemand darauf und die Wellen der Erregung glätteten sich. Wie kam ich mir vor?

Als drei Jahre später diese Klasse vor der Matura stand, kam sie auf die wunderbare Idee, mich nach Wien zu einem neuen Projekt einzuladen, das sie „Gefundene Nachbarschaft“ nannte. Ich ersuchte, bei dieser Gelegenheit meine Tochter mitbringen zu dürfen, da diese noch nie in Europa gewesen war. Dies wurde mir nicht nur gestattet, sondern man übernahm auch für sie sämtliche Spesen – Flug, Hotel, einfach alles. Es gehört wahrhaftig schon mehr als sehr viel Glück dazu, so etwas erleben zu dürfen, derart beschenkt und verwöhnt zu werden. Denn man trug uns vom ersten Augenblick an, also sagen wir von der Ankunft in Schwechat, auf Händen. Da stand doch wahrhaftig ein Empfangskomitee mit einem schönen Blumenstrauß für meine Tochter. Was uns an Herrlichkeiten in diesen 14 Tagen geboten wurde, ist unbeschreiblich. Und natürlich sprach ich auch diesmal in erster Linie zur Klasse, die uns eingeladen hatte, aber auch zu Eltern und Schülern anderer Klassen.

Sechs Jahre später, im Mai 2007, sollte es gar ein „Projekt: Ernst Allerhand“ geben. Wenn ich hier, in Buenos Aires, von dieser dritten Einladung erzähle, glaubt mir keiner. Denn es ist auch zu unwahrscheinlich oder traumhaft, dass man mich dort schon wieder haben wollte. Und schon wieder zusammen mit meiner Tochter. Wenn ich, wie so oft, darüber nachdenke, so sage ich mir, dass man mich ganz einfach, fast zufällig, als lebenden Zeugen, der für alle damals Verfolgten auftritt, auswählte.

Genau wie im Jahre 2001 wurden wir von einer Gruppe auf dem Flughafen in Empfang genommen. Auch der Blumenstrauß für Tochter Marion fehlte nicht. Und gleich in Schwechat setzen wir uns hin, um das Programm zu besprechen. Ich bekam es zu lesen und ich muss sagen, es schmiss mich um. Alles wurde getan, um uns den Aufenthalt in Wien so schön und angenehm wie nur möglich zu gestalten. Neben den Gesprächen standen auch viele kulturelle Attraktionen auf dem Programm. Beide Professoren, Regina Erdinger und Klaus Huber, waren ständig an unserer Seite, führten uns in ihren Autos spazieren und verwöhnten uns zu jeder Stunde. An den beiden Sonntagen machten sie mit uns sogar herrliche Ausflüge – bis nach Ungarn, durch das Burgenland. Da sah ich nach fast 70 Jahren wieder Störche. Das andere Mal fuhren wir durch die Wachau. So viel Schönheit gibt es gar nicht auf dieser Welt.

Der Hauptzweck des Aufenthalts waren die Interviews mit der Projektgruppe. Am ersten Tag im Gymnasium wurden wir von Frau Direktor Dangl und Frau Koller, der Obfrau des Elternvereins, sehr schön empfangen. Leider hatten wir wenig Zeit, um die Delikatessen zu genießen, die man uns auftischte, denn die Projektgruppe wartete schon.

Zehn junge Menschen wollten sich mit meiner Geschichte befassen. Es ist für mich mehr als eine große Genugtuung zu erfahren, dass es heute solche junge Leute gibt. Diese sieben Mädels und drei Burschen brachten uns nicht nur Interesse entgegen, sondern viel Sympathie. Ich hoffe, sie nicht enttäuscht zu haben, auch wenn ich Schüler dieser Oberklassen wenig lehren kann. Umgekehrt haben sie mir mit ihrer Zuneigung und Freundlichkeit viel gegeben, und dafür werde ihnen stets dankbar bleiben. Ich darf wohl sagen, dass ich sie lieb gewonnen habe, speziell beim Eisessen. Auch wenn sie mir viel Kopfschmerzen machten, da es doch für einen älteren Mann nicht leicht ist, Ana, Hanna und Jana von einander zu unterscheiden. Noch etwas möchte hier hinzufügen: Es wäre mir unrecht, wenn ich vielleicht durch meine Erzählungen des Grauens von damals einer oder einem von ihnen Leid täte. Bitte nur nicht. Ich habe infolge unserer erzwungenen Auswanderung ein sehr reiches und interessantes Leben hinter mir und bin meinem Schicksal dafür dankbar. Auch wenn mir das Leben vieles nahm, die Kindheit, das Studium, die Heimat, wirklich den Boden unter den Füßen, so hat mich mein Schicksal doch auch entschädigt. Vor allem mit diesen herrlichen Traumreisen nach Wien. Das ist bestimmt viel mehr, als dem Großteil aller Menschen je beschieden wird.

Zu diesem Reisebericht gehört auch die Erwähnung, dass ich mich von neuem in Wien verliebte. Die Stadt ist jedes Mal schöner, vor allem die Gärten und Parks. Und noch dazu blühten die Rosen, wie von Mag. Erdinger zugesagt. Dann gab es noch so vieles, was uns absolut über den Wolken schweben ließ. Zum Beispiel Schönbrunn: die Führung durch das Schloss, das elegante Nachtmahl und danach das herrliche Konzert. Als wir uns die Eintrittskarten holten, hieß es gar: „Herr Allerhand, Sie und Ihre Tochter sind für uns VIP, also Plätze in den ersten beiden Reihen sind für Sie reserviert.“

Und lieb, wie unsere Gastgeber eben sind, haben sie auch ein Match auf der Hohen Warte eingeplant. Als Kind war ich schon Anhänger der Vienna, aber wer kennt mich denn dort? Ich wurde jedoch als persona grata in Empfang genommen, auf die Ehrentribüne geführt und man begrüßte mich über das Platzmikrofon. Ein eleganter Herr kam auf mich zu, stellte sich als Bezirksvorsteher von Döbling vor und begrüßte mich als Ehrengast. Er schenkte mir verschiedene Andenken des Vereins, auch von ihm selbst ein Foto mit Widmung. Und er ersuchte uns, nach dem Spiel sein Gast zu sein. Wir wurden im Clubhaus gut bewirtet. Ich wollte, ich könnte in Worten ausdrücken, wie wir uns dabei fühlten …

In der Volksoper den „Graf von Luxemburg“ zu sehen und zu hören ist für einen Wiener ein Hochgenuss. Von der „Zauberflöte“ ganz zu schweigen. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich auch in der Spanischen Hofreitschule – eine Augenweide. Und dann zum Heurigen. Und Rundfahrten auf den Kahlenberg und Cobenzl u. v. m. Unsere lieben Freunde Regina und Klaus luden uns auch in ihre Wohnungen. Und die liebe Ehefrau von Klaus Huber, eine Zahnärztin, klebte mir sogar einen Zahn wieder an, den ich leider ausgespuckt hatte. Und mit Regina war es herrlich durch den Türkenschanzpark zu spazieren. Jede Stunde war wunderbar. Dann wurden wir mit einer Fiakerfahrt überrascht. Es war ein nie endendes Schwelgen für uns. Fast vergaß ich das Ländermatch Paraguay gegen Österreich, für mich eine Delikatesse. Und auch auf den Donauturm führte man uns, man las mir jeden Wunsch von den Lippen ab.

Es gehört zum Bericht, auch wenn ich dies längst vergaß, dass ich auch krank wurde, Bronchitis mit Fieber. Ein richtig alter Hausarzt brachte mich schnell wieder auf die Beine. Und dann fühlte ich mich schuldig, weil ich auch die beiden Professoren angesteckt hatte, die tagelang daran zu laborieren hatten.

Dass wir uns sechs Tage Urlaub im Salzkammergut nahmen, gehört nicht zu diesem Thema. Nur muss ich erwähnen, dass es wohl auf der Welt nichts Schöneres geben kann als Strobl, Ischl und Umgebung. Wir badeten jeden Tag in einem anderen See, nur Traumseen. Dass unsere Freunde uns zur Bahn brachten und nachher auch abholten, versteht sich von selbst. Bevor es endgültig zurück nach Argentinien ging, führten sie uns noch einmal in unser Lieblingslokal im Kahlenbergerdorf. Und da meine Tochter es sich so sehr wünschte, hatte ich Freund Klaus ersucht, mir doch einen Digitalfotoapparat zu besorgen. Nach dem Essen wurde Marion das Paket mit dem Apparat übergeben. Und als ich, was mehr als selbstverständlich war, mich bedankte und zahlen wollte, hieß es, dies wäre auch noch ein Geschenk. Da sollte ich schamrot werden, aber ich bin so unverschämt und tu das nicht, sondern freue mich ungeheuer, solche Freunde zu haben.

Während ich dies schreibe, denke ich an Heine – „Deutschland. Ein Wintermärchen“. Für uns aber hieß es „Wien, ein Frühlingsmärchen“!

Ernesto Allerhand (2007)

1 Käthe Kratz ist Initiatorin des Projekts „Verlorene Nachbarschaft“, das sich in vielfältiger Weise mit jüdischem Leben vor 1938 und in der Gegenwart auseinandersetzte. Die Fassade der -1938 zerstörten- Synagoge in der Neudeggergasse wurde nachgebildet und für die Projektdauer aufgerichtet, vom 1. Oktober bis 9. November 1998 fand eine Veranstaltungsreihe statt. Emigranten und Emigrantinnen, die in diesem Mikrokosmos gelebt hatten, wurden ausgeforscht, angeschrieben, besucht, interviewt und nach Wien eingeladen. Sowohl die Broschüre und das Buch „Verlorene Nachbarschaft“, als auch die Filme von Käthe Kratz „Abschied ein Leben lang“ und „Vielleicht habe ich Glück gehabt“ geben Einblick in dieses Projekt.

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