Otto Schenk im Gespräch mit der 7c

Es war Freitagvormittag und Otto Schenk kam im Stundenplan nach Geografie dran. Nachdem alle den Raum 108 und einen Sitzplatz gefunden hatten, jeder auch schon im grünen Fauteuil für den hochbetagten Gast Probe gesessen war und sich auch der rot-bebrillte Fotograf und der Krone-Journalist in Startposition begeben hatten, öffnete sich die Türe und herein kam unsere Frau Direktor mit dem Mann, der vor 70 Jahren seine Matura hier an der Stubenbastei absolviert hatte. Der nahm gemächlich in seinem Sessel Platz – und begann erst einmal zu erzählen. Vom Unterricht zu seiner Zeit, von den Pausenkonzerten des späteren Pianisten Friedrich Gulda im Festsaal, von den Schummelzettel-Verstecken im Spülkasten und von denen, die am Tag nach dem Schulverweis wegen Rauchen am Klo in Liegestühlen am Schulvorplatz lagen, jeder eine Zigarre im Mundwinkel. Später verlagerte sich das Gespräch auf das Theater und auf das Schauspielern. Am wichtigsten sei die Natürlichkeit, die Kunst liege darin, einen dichterischen Text so zu sprechen, als käme er von einem selbst. Ein Schauspieler müsse sich selbst genau beobachten und seinen Körper gut kennen und statt ein Gefühl künstlich hervorrufen zu wollen, es lieber von hinten überlisten, indem er mit seiner Gestik arbeitet. Wenn Otto Schenk etwa von richtiger und falscher Betonung sprach, machte er es selbst vor, zitierte aus Hamlet und Wilhelm Tell und obwohl er eine einzige Frage eine volle halbe Stunde lang beantwortete, wurde es nicht fad. Nach fünfzig Minuten musste man dann auch zu einem Ende kommen und Otto Schenk wurde mit seinem Maturazeugnis aus dem Jahre 1948 (Sehr Gut in Deutsch und Darstellende Geometrie, Genügend in Mathematik) und einem kleinen Geschenk in Form eines Buches verabschiedet.

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